Weltenklänge · Shunyata Shabda

Wissen

Frequenzsysteme in der Klangarbeit

Zu allen Texten im Wissensbereich: Hier schreibe ich aus meiner eigenen Arbeit und Sicht.

Wenn ich an einer Klangreise arbeite, treffe ich Entscheidungen über Frequenzen, die man dem Stück nicht ansieht: welcher Grundton, welche Schwebung, welche Stimmung. Diese Entscheidungen kommen aus verschiedenen Quellen: aus der Akustik, aus der Hirnforschung, aus musikalischer Tradition und aus Denkmodellen, die sich im 20. Jahrhundert gebildet haben. Ich halte diese Quellen hier auseinander, weil sie unterschiedlich belastbar sind. Was Physik ist, nenne ich Physik. Was Modell ist, nenne ich Modell. Und wo es keinen Nachweis gibt, schreibe ich das hin.

Ein Wort vorweg zur Gewichtung. Dass etwas nicht gemessen ist, heißt nicht, dass es nicht stimmt. Es heißt nur, dass es nicht gemessen ist. Wissenschaft ist eine Quelle, Überlieferung ist eine zweite, und die Erfahrung vieler Hörer ist eine dritte. Ich lasse hier alle drei zu Wort kommen und sage jedes Mal dazu, welche gerade spricht. Was du daraus machst, bleibt dir überlassen.

Brainwave Entrainment

Im EEG werden Frequenzanteile häufig ungefähr in Delta (0,5–4 Hz), Theta (4–8 Hz), Alpha (8–13 Hz), Beta (etwa 13–30 Hz) und Gamma (über 30 Hz) eingeteilt. Die Grenzen unterscheiden sich je nach Fachkonvention. Bestimmte Zustände können mit einzelnen Bändern verbunden sein – etwa ausgeprägte langsame Aktivität im tiefen Nicht-REM-Schlaf oder Alpha bei ruhiger Wachheit mit geschlossenen Augen. Kein Band bezeichnet für sich allein einen bestimmten Bewusstseinszustand. Die Brainwave-Entrainment-Hypothese nimmt an, dass rhythmische äußere Reize neuronale Aktivität in Richtung ihrer Wiederholungsfrequenz beeinflussen können.

Dafür werden drei Verfahren verwendet. Binaurale Beats entstehen als Höreindruck, wenn jedes Ohr möglichst getrennt einen leicht verschiedenen Ton erhält, in der Praxis gewöhnlich über Kopfhörer. Bei 530 Hz links und 520 Hz rechts kann ein Pulsieren mit 10 Hz wahrgenommen werden. Heinrich Wilhelm Dove beschrieb das Phänomen 1839; Gerald Oster fasste es und den damaligen Forschungsstand 1973 in „Auditory Beats in the Brain“ zusammen. Robert Monroe gehörte zu frühen kommerziellen Anwendern; sein US-Patent 3,884,218 wurde 1970 angemeldet und 1975 erteilt. Monaurale Beats werden schon vor dem Ohr gemischt und funktionieren über Lautsprecher. Isochrone Töne sind regelmäßig deutlich ein- und ausgeschaltete oder amplitudenmodulierte Tonpulse. Eine belastbare Quelle für die verbreitete Behauptung, dieser Begriff gehe auf Arturo Manns 1981 zurück, ist nicht auffindbar.

Zur Wirkung ist die Forschung uneinheitlich. Eine systematische Übersicht von Ingendoh und Kolleginnen (PLOS ONE, 2023) schloss vierzehn EEG-Studien zu binauralen Beats ein: fünf berichteten Befunde im Sinne der Entrainment-Hypothese, acht widersprechende und eine gemischte Befunde. Wegen erheblicher methodischer Unterschiede ließ sich die Frage nicht entscheiden. Für mich sind binaurale Beats ein beschreibbares Hörphänomen und ein kompositorisches Mittel. Dass sie das Gehirn zuverlässig in ein gewünschtes Band ziehen, ist nicht belegt.

Solfeggio-Frequenzen

Horowitz und Puleo veröffentlichten 1999 sechs Zahlenwerte: 396, 417, 528, 639, 741 und 852 Hz. In heutiger Meditationsmusik erscheint oft eine Neunerreihe mit 174, 285 und 963 Hz; wann und von wem diese Werte ergänzt wurden, ist in belastbaren Quellen nicht dokumentiert. Innerhalb dieser modernen Lehre werden den Zahlen spirituelle Bedeutungen zugeordnet; 528 Hz wird etwa mit Transformation verbunden.

Der früheste in dieser Recherche belastbar gefundene Beleg für die Reihe ist das 1999 gemeinsam veröffentlichte Buch von Leonard G. Horowitz und Joseph Puleo. Darin berichtet Puleo rückblickend, er habe die sechs Zahlen schon in den 1970er-Jahren durch eine numerologische Auswertung von Numeri 7,12–83 gewonnen. Numerologie deutet Zahlen symbolisch; sie ist keine naturwissenschaftliche Messmethode. Die Passage belegt die Selbstdarstellung der Autoren, nicht eine unabhängige historische Überlieferung.

Was mittelalterliches Solfeggio wirklich ist

Die Guido von Arezzo zugeschriebene Solmisation verwendet die Silben ut, re, mi, fa, sol und la aus den Halbzeilen des Hymnus Ut queant laxis. Sie benennen Positionen in einem Hexachord, keine absoluten Tonhöhen in Hertz. Der früheste in dieser Recherche belastbar gefundene Beleg für die konkrete moderne Reihe 396 bis 852 Hz stammt von 1999; sie gehört nicht zu Guidos System. Für die einzelnen Zahlen zugeschriebene Heilwirkungen gibt es keine robuste klinische Evidenz. Insbesondere belegt keine entsprechende DNA-Untersuchung, dass hörbarer Schall mit 528 Hz menschliche DNA repariert. Auf Weltenklänge nutze ich die Zahlen als Grundtöne, Bordune oder kompositorische Bezugspunkte – nicht als Wirkungsnachweis.

Für ein kirchliches Verbot der Zahlen 396, 417, 528, 639, 741 und 852 Hz gibt es keinen historischen Beleg; der früheste in dieser Recherche belastbar gefundene Beleg für diese Reihe stammt von 1999. Der Johannes-Hymnus Ut queant laxis ist spätestens um 800 belegt und damit älter als Guidos Verwendung. In der nach dem Konzil von Trient durchgeführten Messbuchreform wurden Tropen beseitigt und die zahlreichen mittelalterlichen Sequenzen im Missale Romanum von 1570 auf vier reduziert. Eine andere Reform unter Urban VIII. ließ lateinische Hymnentexte und ihre Metrik überarbeiten; mehrere Ordensgemeinschaften übernahmen die Fassungen nicht vollständig. Das waren Eingriffe in Repertoire und Texte, keine Verbote festgelegter Hertzwerte.

Ich arbeite trotzdem damit. In Healing Joy liegt 528 Hz, in Lumin Spheres 639 Hz, in A New Dawn 852 Hz. Für mich ist die Herkunft einer Zahl die eine Frage und das, was ich beim Komponieren mit ihr höre, die andere. Die Reihe gibt mir einen Ausgangspunkt, an dem ich mich beim Aufbau eines Stückes entlanghangele, und die Rückmeldungen zu diesen Stücken sind gut. Beweisen lässt sich damit nichts, und das behaupte ich auch nicht.

432 Hz und der Kammerton 440 Hz

A = 440 Hz ist keine Naturkonstante, sondern eine historisch ausgehandelte technische Konvention. Vor der Standardisierung unterschieden sich Stimmtonhöhen nach Zeit, Ort, Institution und Instrument teils erheblich. Frankreich legte 1859 A = 435 Hz fest; britische Klavierhersteller vereinbarten 1899 einen Bezug von 439 Hz. Historische Stimmtonhöhen lagen teils unter, teils auch über 440 Hz.

Eine internationale Konferenz am BBC-Sitz in London empfahl 1939 A = 440 Hz. Gründe waren ein einheitlicher, temperaturunabhängiger Bezug und praktische Vorteile bei der elektronischen Erzeugung gegenüber 439 Hz. Die Wahl ist also eine Konvention, aber nicht grundlos oder beliebig.

Wie es dazu kam, Schritt für Schritt

Johann Heinrich Scheibler schlug 440 Hz 1834 vor. Frankreich setzte 1859 A = 435 Hz fest, britische Klavierhersteller vereinbarten 1899 A = 439 Hz, und die amerikanische Musikergewerkschaft übernahm 1917 offiziell 440 Hz. Die Londoner Konferenz empfahl 1939 denselben Wert; 1955 folgte ISO R 16, 1975 ISO 16. Der Standard ist eine Referenz und zwingt einzelne Ensembles nicht auf genau diesen Wert. Moderne Orchester stimmen teils höher, Ensembles historischer Aufführungspraxis je nach Repertoire häufig anders und oft tiefer.

Was sich mit 432 und 440 tatsächlich ausrechnen lässt

Joseph Sauveur wählte 1713 für einen festen Bezugston der mittleren Oktave 256 Schwingungen pro Sekunde, weil sich die Oktaven dann als Zweierpotenzen darstellen lassen. Diese Setzung wurde später als philosophische oder wissenschaftliche Stimmung bezeichnet.

Mit dem pythagoreischen Verhältnis 27:16 ergibt C = 256 Hz rechnerisch A = 432 Hz. In zwölfstufig gleichschwebender Stimmung ergäbe dasselbe C dagegen A ≈ 430,54 Hz. Umgekehrt ergibt A = 440 Hz gleichschwebend C ≈ 261,63 Hz, mit dem pythagoreischen Verhältnis C ≈ 260,74 Hz. Welche Zahl entsteht, hängt also auch vom Stimmungssystem ab.

Nachrechnen

Im pythagoreischen System gilt für C zu A das Verhältnis 16:27; deshalb ergibt 256 × 27 ÷ 16 = 432. In gleichschwebender Stimmung gilt ein anderes Verhältnis. Die Rechnung zeigt also eine Eigenschaft eines gewählten Stimmungssystems, keine natürliche Vorrangstellung von 432 Hertz.

Der Zahlentreffer bei 136,10 Hz

Coustos Modell ergibt für das Erdenjahr etwa 136,10 Hz. In zwölfstufig gleichschwebender Stimmung liegt Cis bei A = 432 Hz rechnerisch bei rund 136,07 Hz und bei A = 440 Hz bei rund 138,59 Hz. Der erste Wert liegt also zufällig sehr nahe an Coustos Rechenwert.

Diese Nähe ist eine mathematische Übereinstimmung zwischen Coustos Oktavierungsmodell und einer westlichen gleichschwebenden Stimmung mit A = 432 Hz. Sie belegt weder eine feste Frequenz der Silbe OM noch einen historischen Bezug zur indischen Musik. In indischer Kunstmusik wird der Grundton Sa passend zur Stimme oder zum Instrument gewählt; die übrigen Tonhöhen beziehen sich relativ darauf.

Der Vergleich in gleichschwebender Stimmung

  • Erdenjahr-Ton nach Cousto: 136,10 Hz
  • Cis bei A = 432 Hz: rund 136,07 Hz, Abweichung rund 0,02 Prozent
  • Cis bei A = 440 Hz: rund 138,59 Hz, Abweichung rund 1,8 Prozent

Der Zahlentreffer beweist weder eine gesundheitliche Wirkung noch eine überlieferte OM-Stimmung. Für mich kann er trotzdem ein kompositorischer Bezugspunkt sein; das ist meine musikalische Entscheidung, kein historischer oder naturwissenschaftlicher Beweis.

Verdi, und was ihm zu Unrecht zugeschrieben wird

432 Hz heißt oft Verdi-Stimmung. Verdi unterstützte im 19. Jahrhundert eine Begrenzung der steigenden Stimmtonhöhe und äußerte 1884 eine Präferenz für 432 Schwingungen pro Sekunde, vor allem mit Blick auf Einheitlichkeit und Singstimmen. Kosmologische und naturheilkundliche Deutungen stammen aus späteren Kampagnen, besonders aus dem Umfeld des Schiller-Instituts seit 1988.

Was die Forschung sagt, und was Hörer sagen

Zwei Quellen, und ich nehme beide ernst.

Die Studienlage

Eine doppelblinde Crossover-Pilotstudie von 2019 mit 33 gesunden Personen – jede Person hörte beide Fassungen in wechselnder Reihenfolge – fand nach einer 432-Hz-Fassung gegenüber derselben Musik bei 440 Hz eine im Mittel niedrigere Herzfrequenz und höhere berichtete Zufriedenheit. Als kleine Pilotstudie erlaubt sie keinen allgemeinen Wirksamkeitsnachweis. Ein Beleg dafür, dass 432 Hz dem Körper grundsätzlich besser bekommt, liegt nicht vor.

Die Erfahrungsberichte

Navin berichtet, dass ihm Hörende 432-Hz-Fassungen wiederholt als wärmer oder weicher beschrieben haben. Das ist eine Erfahrung aus Rückmeldungen zu seiner Arbeit, keine systematisch erhobene Aussage über Hörende allgemein.

Subjektive Urteile können in Studien systematisch erhoben werden. Unstrukturierte Rückmeldungen aus dem Alltag sind jedoch anfälliger für Auswahl-, Erwartungs- und Erinnerungseffekte als verblindete, vorab geplante Vergleiche. Für meine musikalische Entscheidung nehme ich die Rückmeldungen trotzdem ernst.

Deshalb stimme ich viele Stücke auf 432 Hz: Mir gefällt der Klang, der Zahlenbezug ist für mich kompositorisch interessant, und die Rückmeldungen passen zu meiner Erfahrung. Ein Heilversprechen ist damit nicht verbunden.

Planetentöne

Hans Cousto gibt an, das Konzept der „Kosmischen Oktave“ 1978 entwickelt zu haben; ausführlich veröffentlichte er es 1984. Das Verfahren überträgt sehr langsame astronomische Perioden durch wiederholte Frequenzverdopplung in einen hörbaren Bereich. Eine Oktave entspricht einer Verdopplung der Frequenz.

Die Rechnung Schritt für Schritt

Setzt man für einen mittleren Sonnentag 86.400 Sekunden an, ergibt 2²⁴ ÷ 86.400 rund 194,18 Hz. Ein mittleres tropisches Jahr von etwa 365,2422 Tagen entspricht rund 31.556.926 Sekunden; 2³² geteilt durch diesen Wert ergibt rund 136,10 Hz. In Coustos Klangpraxis werden solche Rechenwerte als Stimmgabel-, Bordun- oder Kompositionsfrequenzen verwendet. Cousto bezeichnete 136,10 Hz als Erdenjahr- oder OM-Ton. Diese Benennung stammt aus seinem modernen Modell und ist keine feste Tonhöhe der indischen OM-Tradition.

Das Rechenverfahren selbst ist unstrittig, es ist nur eine Multiplikation mit Zweierpotenzen. Was es nicht ist: ein physikalischer Nachweis, dass diese Töne mit den Himmelskörpern in Resonanz stehen oder eine bestimmte Wirkung auf den Menschen ausüben. Ein solcher Nachweis liegt nicht vor. Der Reiz liegt woanders: Die Methode gibt einer Komposition einen Bezugspunkt außerhalb der eigenen Willkür.

Ich benutze die Planetentöne trotzdem, und zwar oft. In A New Dawn richtet sich sogar das Tempo nach der Sonnenfrequenz dieser Rechnung, in Vision, Creativity und Deep Relax liegen die Töne im Klangbild. Was mir das gibt, ist eine Ordnung, die nicht von meinem Geschmack an diesem Tag abhängt. Ein Stück bekommt dadurch einen Bezug, der außerhalb von mir liegt. Ob dieser Bezug über die Rechnung hinaus etwas bewirkt, weiß ich nicht, und ich stelle es hier auch nicht so dar.

Weitere Frequenzen, kurz

Drei weitere Frequenzthemen im Überblick

Schumann-Resonanz um 7,8 Hz. Winfried Otto Schumann beschrieb 1952 elektromagnetische Eigenmoden des Erde-Ionosphäre-Hohlraums; entsprechende Signaturen wurden 1960 beobachtet. Die unterste Mode liegt typischerweise um 7,8 Hz und schwankt mit der Ionosphäre. Das elektromagnetische Signal ist nicht selbst als Schall hörbar. Wird der Zahlenwert als akustische Pulsrate verwendet, ist das eine kompositorische Analogie, keine physikalische Umwandlung.

Gamma um 40 Hz. Labor- und frühe klinische Forschung untersucht rhythmische visuelle und akustische Reize um 40 Hz. Eine EEG-Antwort während der Reizung ist messbar; daraus folgt noch kein gesicherter kognitiver oder therapeutischer Nutzen. Für mich kann die Forschung ein kompositorischer Bezugspunkt sein, macht eine Aufnahme aber nicht zur Behandlung.

Stimmungssysteme jenseits der Gleichstufigkeit. Reine Stimmung verwendet ausgewählte einfache Zahlenverhältnisse, etwa Quinte 3:2, Quarte 4:3 oder große Terz 5:4. Pythagoreische Stimmung baut vor allem auf reinen Quinten auf; ihre große Terz 81:64 unterscheidet sich von 5:4. Bei harmonischen Klängen können passend gestimmte Teiltöne weniger Schwebungen erzeugen. Welche Abstimmung sinnvoll ist, hängt von Tonart, Harmonik und Klangfarbe ab.

Wie ich damit umgehe

Ich benutze diese Systeme, weil sie mir beim Komponieren eine Ordnung geben und weil ich in der Arbeit mit ihnen etwas höre, das ich schätze. Was ich nicht tue, ist behaupten, sie seien bewiesen. Meine Klangreisen sind Musik zur Meditation und persönlichen Entfaltung. Sie sind keine medizinische Behandlung, ersetzen weder Arzt, Heilpraktiker noch Psychotherapie, und ich gebe keine Heilversprechen.

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